Theresa Grabinger (links) spricht in ein Mikrofon und gestikuliert, während Prof. Oleh Turiy (rechts) ihr zuhört. Sie sitzen in Sesseln in einem Veranstaltungsraum mit Tisch, Wasserflaschen und Papieren.
Diskussion über die Rolle der Kirchen im Ukraine-Krieg – Theresa Grabinger und Prof. Oleh Turiy im Gespräch.
Quelle: Matthias Dörr, Renovabis
26.02.2025 – Ukraine

Rückblick auf den ersten „Politischen Mittagsimbiss Osteuropa“ in Berlin

„Zwischen Propaganda und Nächstenliebe – Die Kirchen im Ukraine-Krieg“ – unter diesem Titel stand eine Veranstaltung im Berliner Büro von Renovabis. Im Gespräch: Prof. Oleh Turiy von der Ukrainischen Kath. Universität und Theresa Grabinger, Projektreferentin für die Ukraine bei Renovabis.

Am 14. Februar 2025 fand die erste Veranstaltung der neuen Reihe Politischer Mittagsimbiss Osteuropa in der Berliner Repräsentanz von Renovabis statt. Unter dem Titel Zwischen Propaganda und Nächstenliebe diskutierten Renate Krekeler-Koch, Leiterin des Berliner Büros, Prof. Oleh Turiy von der Ukrainischen Katholischen Universität und Theresa Grabinger, Projektreferentin für die Ukraine und Moldau bei Renovabis, über die komplexe Rolle der Kirchen im aktuellen Kriegsgeschehen.

Religion als geopolitisches Instrument

Prof. Turiy betonte, dass der Krieg gegen die Ukraine ohne seine religiösen Dimensionen nicht zu verstehen sei. Dabei handle es sich jedoch nicht um einen Religionskrieg. Die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) unterstütze aktiv die imperialen Bestrebungen Russlands. Die von Patriarch Kyrill propagierte Ideologie der "Heiligen Rus" sei nicht nur theologisch, sondern eine politische Strategie zur Legitimation des russischen Expansionismus. Turiy warnte davor, die geopolitische Instrumentalisierung von Religion zu unterschätzen: Sie könne dazu führen, dass Glaube zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht wird. Eindrücklich schilderte er seine persönlichen Befürchtungen: „Ich mache mir keine Illusionen, was mit mir, meiner Familie und der Universität geschieht, wenn Russland in Lemberg einmarschiert.“

Humanitäre Hilfe und soziale Stabilisierung

Theresa Grabinger gab Einblicke in die aktuelle Projektarbeit von Renovabis in der Ukraine. Die Entwicklungen seit Februar 2022 hätten die Schwerpunkte stark verändert: Neben humanitärer Hilfe stehen psychologische Unterstützung für traumatisierte Menschen und der Aufbau nachhaltiger sozialer Strukturen im Mittelpunkt. Sie berichtete von den Herausforderungen, mit denen sich lokale Partnerorganisationen konfrontiert sehen, und hob hervor, dass kirchliche Akteure eine aktive Rolle bei der Schaffung ökonomischer Perspektiven übernehmen. Besonders sensibel seien Aufforderungen zu Frieden und Dialog. Sie könnten für viele Betroffene verletzend sein, weil sie das erlittene Leid relativierten. „Aus Perspektive der Konflikttransformation gehört der Konflikt den involvierten Parteien. Interventionen Dritter ohne Mandatierung sind übergriffig.“

Die Kirchen als gesellschaftliche Akteure

Die Diskussion machte deutlich, dass die Kirchen in der Ukraine weit über karitative Aufgaben hinaus eine zentrale gesellschaftliche Rolle spielen. Ihr Engagement reicht von der humanitären Unterstützung bis zur aktiven Mitgestaltung gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde die Frage nach einem gerechten Frieden aufgeworfen. Die Teilnehmenden betonten, dass langfristige Unterstützung für die Ukraine ebenso essenziell ist wie eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Religion im geopolitischen Kontext.

Prof. Turiy war im Rahmen des Symposiums „Security in Europe. Religious Dimensions of War and Moral Responsibility for Peace“ zu Gast in Deutschland, das vor der Münchner Sicherheitskonferenz mit Unterstützung von Renovabis stattfand.

Inhalt erstellt: 26.02.2025, zuletzt geändert: 26.02.2025

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