03.02.2017 · Ukraine

Ukraine: „Die Lage ist sehr kritisch“

Ein Interview zur Situation in der von der Ukraine kontrollierten Stadt Awdijiwka.

In der Ostukraine sind die schwersten Kämpfe seit Monaten ausgebrochen. Die OSZE wirft beiden Konfliktparteien vor, die Lage zu eskalieren. Über die von der Ukraine kontrollierte Stadt Awdijiwka wurde am Montag der Ausnahmezustand verhängt. Präsident Petro Poroschenko hat sogar vor einer „humanitären Katastrophe“ gesprochen. Der Pastor Petr Dudnik half in Awdijiwka bei der Evakuierung der Bewohner.
Ein Interview der n-ost-Korrespondentin Simone Brunner, Hamburg.

n-ost: Herr Pastor, Sie sind gestern Nacht in Awdijiwka angekommen. Wie ist die Lage? Petr Dudnik: Die Lage hat sich seit dem Wochenende dramatisch zugespitzt. Die Stadt steht unter schwerem Beschuss. Letzte Nacht sind wir um zwei Uhr in Awdijiwka angekommen. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits der Stab des ukrainischen Katastrophenministeriums mit dem Leiter der Gebietsverwaltung zusammengekommen, um darüber zu beraten, wie man die Bewohner evakuieren kann.

  In Awdijiwka, das direkt an der Front liegt, haben die Waffen seit Ausbruch des Krieges leider nie geschwiegen. Was macht die aktuelle Situation so dramatisch? Die Stadt hat derzeit keinen Strom. Doch vor allem die Kokerei muss mit Strom versorgt werden, weil daran wiederum die Heizungsanlagen der gesamten Stadt hängen. Letzte Nacht ist es gelungen, die Reserve-Generatoren (die mit Gas betrieben werden, Anm. d. Red.) zuzuschalten. Die Fabrik hat wieder ihre Arbeit aufgenommen. Das reicht aber nur für wenige Stunden – was normalerweise lang genug ist, um die Stromleitung zu reparieren, wenn es denn eine Waffenruhe gibt. Aber das ist nicht eingetreten. Der Beschuss hat seither auch nicht nachgelassen. Ich bin 15 Kilometer aus der Stadt hinausgefahren, aber auch hier hört man noch Beschuss. (Das Telefongespräch fand um 12:00 Uhr Ortszeit statt. Anm. d. Red.).

Dann gibt es in der Stadt keine Heizung mehr? Ja. Wir haben derzeit minus 17 Grad Celsius. In ein paar Stunden kann es zu spät sein, wenn die Häuser auskühlen und die Rohre einfrieren. Die Lage in der Stadt ist sehr angespannt. Derzeit ist es auch nicht möglich, zu den Menschen direkt vorzudringen, weil die Stadt unter schwerem Beschuss steht. In der Nacht hat es einen direkten Einschlag in ein Wohnhaus gegeben, und ein Kollege von mir ist mit dem Auto, ohne Licht, dorthin gefahren, um die Verletzten aus dem Haus zu evakuieren und in ein Krankenhaus zu bringen. Die Mobilfunk- und Internetverbindungen sind auch zusammengebrochen.

Es gab Berichte über brennende Wohnhäuser. Wie haben Sie die Situation erlebt? Es ist nicht so, dass reihenweise die Häuser brennen. Aber es hat einige Einschläge gegeben. Die Feuerwehr und die Erste Hilfe können aber leider nicht mehr ausrücken, weil ständig geschossen wird.

Welche Waffen kommen zum Einsatz? Es werden schwere Waffen eingesetzt. Schwere Artillerie. Einige Meter von uns entfernt haben „Grad“ (Mehrfachraketenwerfer, Anm. d. Red.) eingeschlagen. Es ist einfach furchtbar. Immer wieder gehen Granaten nieder. Dass mit Mehrfachraketenwerfer geschossen wurde, hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Bis zuletzt haben sich die Kämpfe in Awdijiwka meist auf die „Industriezone“ beschränkt.
Das hat sich jetzt deutlich ausgeweitet. Es gibt jetzt auch Einschläge in den Wohnbezirken.

Gibt es genügend Ressourcen für die Evakuierung? In den Sitzungen mit den Behörden haben wir die notwendigen Schritte besprochen. Dafür stehen 130 Busse bereit. Zudem ist ein Zeltlager aufgebaut worden, in denen sich die Leute aufwärmen, eine Tee trinken oder etwas essen können. Wir Freiwillige haben auch Brot dort hingebracht, andere Hilfsorganisationen, wie die Caritas, sind auch vor Ort – die Betroffenen müssen deshalb zumindest keinen Hunger leiden. Wir sind vorbereitet. Aber die Lage in der Stadt ist sehr kritisch.

Wieso kommt es gerade jetzt zu dieser Eskalation? Das ist schwer zu sagen. Aber wir erleben derzeit eine Eskalation entlang der gesamten Frontlinie.

Wohin sollen die Menschen evakuiert werden? In die nahegelegenen Städte, nach Slawjansk oder nach Kramatorsk. Zuletzt sind wir vor zwei Jahren (bei der Schlacht um Debalzewe im Januar / Februar 2015, Anm. d. Red.) mit einem großen Flüchtlingsstrom fertig geworden.

Damals wurden die Kriegsvertriebenen sogar in abgestellten Zügen in Slawjansk untergebracht. Wird es diesmal wieder so schlimm? Damals hat das Katastrophenministerium acht Waggons für die Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Ich denke nicht, dass solche Maßnahmen diesmal notwendig sein werden. Es sind ungefähr 16.000 bis 18.000 Menschen in Awdijiwka, und wir haben viele Städte, in denen wir die Menschen unterbringen können. Ich habe die Lage auch in den sozialen Medien beschrieben. Viele Menschen haben sich daraufhin schon bereit erklärt, Binnenflüchtlinge bei sich aufzunehmen.


Quellen: Telefoninterview mit Petr Dudnik am 31. Januar 2017.

Inhalt erstellt: 03. Februar 2017, zuletzt geändert: 20. Februar 2017