24.01.2017 · Serbien

Serbien: Im größten informellen Flüchtlingslager Europas

In heruntergekommenen Lagerhallen hinter dem Belgrader Busbahnhof leben 1.500 Flüchtlinge in der Kälte. Darunter sind auch 200 unbegleitete Minderjährige.

Belgrad (n-ost) – In alten Lagerhallen hinter dem Belgrader Busbahnhof hat sich das größte informelle Flüchtlingslager Europas gebildet. Nachts sinken die Temperaturen auf bis zu minus 16 Grad. In den heruntergekommenen Ruinen steigt beißender Rauch auf, weil mit Holz aus alten Balken der Schienenanlagen und Plastik geheizt wird. Richtig warm wird es trotzdem nicht. Rund 1.500 Menschen leben in den Ruinen, die meisten kommen aus Afghanistan. Eine reine Männerwelt hat sich hier gebildet. Die Frauen und Mädchen leben in den serbischen Asyl- und Aufnahmezentren, doch die Männer in den Ruinen wollen dort nicht hin oder haben keinen Platz mehr bekommen. Ein Feature von n-ost-Korrespondent Krsto Lazarević, Belgrad

Die Not macht erfinderisch

Vor den verfallenen Hallen stehen Männer in einer kleinen Schlange an einer der beiden Wasserquellen des Lagers. Neben dem Schlauch, aus dem das Wasser kommt, steht ein rostiges Fass über einer Feuerstelle. Einer der Männer zeigt lächelnd darauf und sagt: „Das ist unsere Dusche“. Sanitäre Anlagen gibt es nicht. Die Not macht erfinderisch.

In einem der heruntergekommenen Gebäude steht der 14-Jährige Shohaib aus Afghanistan in einem blauen Trainingsanzug am offenen Feuer und hustet. Eine warme Jacke hat er nicht. Über seinen Oberlippen bildet sich ein kleiner Flaumansatz. Er ist einer von vielen unbegleiteten Minderjährigen in den Ruinen. Shohaib zeigt mit dem Finger auf eine Decke auf dem nackten und kalten Boden. „Dort schlafe ich.“ Seine Lunge schmerzt, außerdem hat er Grippe. Er nimmt Antibiotika, so wie viele andere in den alten Lagerhallen.

Deutschland ist nicht mehr das Hauptziel

Shohaib könnte wohl in ein staatliches Camp, aber er will in den Ruinen bleiben: „Ich will weiterkommen. Wer weiß denn, wie die mich dort behandeln und ob sie mich nicht abschieben.“ Er hat auf seiner Reise schlechte Erfahrungen gemacht, sei von der bulgarischen Polizei geschlagen worden. Shohaib traut niemandem mehr. Das letzte Mal hat er vor zwei bis drei Monaten mit seinen Eltern gesprochen, als er noch in der Türkei war. Das Telefon seines Vaters ist jetzt ausgeschaltet, seitdem hat er den Kontakt verloren.

In den Ruinen herrscht großes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Die meisten berichten, dass sie auf dem Weg schon betrogen, ausgeraubt oder geschlagen wurden. Insbesondere die bulgarische Polizei genießt einen schlechten Ruf. Einige erzählen auch, dass sie bereits in Ungarn waren und dann von der dortigen Polizei geschlagen und zurückgeschickt wurden.

Shohaibs Ziel ist Frankreich, obwohl er dort niemanden kennt. Deutschland geben nur noch wenige in den Belgrader Ruinen als Ziel an. Es hat sich herumgesprochen, dass Deutschland neuerdings nach Afghanistan abschiebt.

“Ich will dort in die Schule gehen.”

Die Nichtregierungsorganisation „Save the Children“ schätzt, dass in den Ruinen hinter dem Belgrader Busbahnhof 200 unbegleitete Minderjährige leben. In ganz Serbien befinden sich laut diesen Schätzungen 700 unbegleitete Minderjährige. Täglich kommen rund hundert Menschen in Serbien an, davon sind 40 Prozent minderjährig. Die Schlepper haben hier ihr Zentrum und verlangen derzeit 3.000 Euro für den Weg nach Ungarn, mehr Geld als jemals zuvor. Sie machen ein gutes Geschäft, weil die Flüchtlinge in den Ruinen auf sie angewiesen sind. Doch viele Flüchtlinge haben kein Geld mehr.

Unweit der Ruinen liegt das Flüchtlingszentrum Miksaliste, in dem NGOs und freiwillige Helfer ihre Arbeit tun. In einer kleinen Spielecke malen Kinder im Alter von fünf bis 12 Jahren mit Buntstiften Familienbilder. Eigentlich sollen die Kinder nicht im Miksaliste schlafen, doch bei Kindern bis 12 Jahren wird eine Ausnahme gemacht. Der neunjährige Yasif sitzt in der Spielecke und malt ein Bild. Vor sechs Monaten machte er sich mit seinem 16-Jährigen Onkel auf dem Weg von Afghanistan nach Norwegen. Er darf im Miksaliste übernachten, sein Onkel muss weiterhin in den Ruinen schlafen.

Yasif kommt aus Dschalalabad, einer Stadt unweit der pakistanischen Grenze, in deren Umland die Taliban sehr aktiv sind. Yasif sagt: „In Norwegen ist es sehr kalt, aber davor habe ich keine Angst. Ich will dort in die Schule gehen.“ Der neunjährige Junge berichtet von langen Märschen ohne Pausen. Vom Iran in die Türkei musste er 12 Stunden am Stück laufen, von der Türkei nach Bulgarien sogar ganze zwei Tage. Und dann von Bulgarien nach Serbien nochmals acht Stunden.

Sie wollen schnell weiter

Es gibt es in Serbien zwischen 7.500 und 8.000 Flüchtlinge, aber laut dem Internetportal Insajder.com nur 6.450 Plätze in Asyl- und Aufnahmezentren. Vor allem in Belgrad mangelt es an Platz. Doch Yasifs Onkel möchte nicht in die serbischen Aufnahmezentren, weil er Angst hat, dass die beiden abgeschoben werden.

Bis zu 1.000 Menschen sollen in Serbien laut dem Belgrader Zentrum für Menschenrechte Opfer seit September Opfer von sogenannten Push-Backs geworden sein. Diese Abschiebungen sind nach serbischem und internationalem Recht verboten, haben sich auf der Balkanroute aber inzwischen etabliert. Auch das UNHCR und Human Rights Watch bestätigen, dass Flüchtlinge aus Serbien vermehrt nach Mazedonien und Bulgarien abgeschoben werden.

In der Nacht sind die Feuer in den Belgrader Ruinen das einzige Licht. Manche kochen Tee, andere schlafen, viele husten in den verqualmten Hallen. Die Menschen liegen an vielen Stellen dicht an dicht. Die Flüchtlinge wollen es sich in Serbien nicht zu gemütlich machen und schnell weiterziehen.

Inhalt erstellt: 24. Januar 2017, zuletzt geändert: 20. Februar 2017